Warum du KI bei Musik, Kunst und Literatur boykottieren solltest!

Oder: Was macht in Zeiten von KI eigentlich eine*n Künstler*in aus?




Die Welt hat sich durch das Aufkommen von KI gewandelt. Wer kennt es nicht: Man sieht online ein Reel mit verblüffendem Inhalt und fragt sich: Ist das real oder KI-generiert?

Während wir uns vor noch ein, zwei Jahren gelegentlich fragen mussten, ob Content-Inhalte gescriptet sind oder nicht, ist die Frage nach der Echtheit von Content mittlerweile allgegenwärtig geworden.

Genauso hat KI auch Einzug in das Kulturleben gefunden. Spotify schlägt Nutzenden KI-generierte Songs vor - ohne diese zu kennzeichnen. Plattformen wie Etsy oder Pinterest werden mit KI-generierter Kunst überflutet und ja auch ganze Romane sind mittlerweile einfach KI-generiert ... und zumeist auch nicht entsprechend gekennzeichnet.

Besonders spannend an dieser Entwicklung ist der Umgang mit dieser - und dabei auch der Unterschied zwischen kreativ schaffenden und rezipierenden Menschen. 

In den Kreisen von Musiker*innen, Künstler*innen oder Schriftsteller*innen wird genau diese Entwicklung als kritisch gesehen und mitunter auch als gefährlich. Auf Seite der reinen Konsument*innen findet kultureller KI-Inhalt jedoch oftmals Zuspruch.

Als jemand, der selbst seit seiner Kindheit Musik macht und immerzu kreativ tätig war, boykottiere ich jegliche Form von KI in Musik, Kunst oder Literatur.

Wenn ich dies kommuniziere, so stoße ich bei Musiker*innen, Künstler*innen und Schriftsteller*innen auf Verständnis. Auf Konsenz.

Auf der Seite der reinen Konsument*innen habe ich den Eindruck, es wird mitunter nicht ganz verstanden, warum diese Inhalte so kritisch sind.

Ich will natürlich nicht pauschalisieren. Aber ich habe bereits mehrmals die Erfahrung gemacht, dass offensichtlich KI-generierte Musik geteilt oder auch selbst erstellt wurde. Wenn ich darauf hinwies, so kam ich mir wie eine “Spaßverderberin” vor. Als würde die Kritik sowieso nicht zu einer Reflexion führen. Manchmal verkneife ich mir entsprechende Hinweise.

Die Diskussion ist mittlerweile nur noch ermüdend geworden.

 

Es gibt zwei Fragen, die sich aufgrund dieser Entwicklungen regelrecht aufdrängen:

1. Warum sollten KI-Musik, KI-Kunst oder KI-Literatur und auch Tools zur Erstellung dieser vollkommen boykottiert werden?

2. Was macht eine*n Künstler*in in Zeiten von KI eigentlich aus?
 
 

 

Warum sollten also KI-Musik, KI-Kunst oder KI-Literatur und auch Tools zur Erstellung dieser vollkommen boykottiert werden?

Wer bereits einmal in die Kulturszene reinschnuppern konnte, der weiß, wie schwierig es ist, dort Anschluss zu finden. Von der eigenen Musik, Kunst oder Texten den Lebensunterhalt verdienen zu können, ist nur einer sehr geringen Anzahl an Kreativen vorbehalten.
 
Es ist ein hartes Pflaster.
 
Und dann kommt die KI daher. Plattformen wie Etsy oder auch Streaming-Plattformen zeigen Nutzer*innen immer mehr KI-generierte Kunst oder Musik an. Und nehmen so - platt gesagt aber gleichermaßen wahr - realen Künstler*innen die Arbeit weg, die Aufträge, die Streams ...

Dass Maschinen bisweilen mehr Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten als beispielsweise die Indie-Künstlerin, welche seit Jahren ihre Songs selbst schreibt und als Multi-Instrumentalistin auch einspielt ... das fühlt sich degradierend an ...
 
Hinzu kommt eine ethische Frage:
 

Wem gehört eigentlich Musik, Kunst oder Literatur?

KI kann nur Musik, Kunst oder Literatur anbieten, weil sie sich selbst all diese Kunstformen einverleibt und in Anspruch genommen hat. Künstler*innen wurden dabei niemals gefragt, ob eine KI ihre öffentlich verfügbare Kunst verwenden darf. Diese Systeme haben es einfach gemacht. Und da die Entwicklung der KI-Systeme so schnell voranschritt, kam auch die Gesetzeslage nicht mit.

Ein System nutzt also einfach ungefragt dein eigenes kreatives Schaffen, an welchem du Stunden, Tage oder Wochen gearbeitet hast ... und erstellt daraus Inhalte.

Ist das ethisch und moralisch in Ordnung?

Von meiner Seite aus: Nein!

Und damit schließen wir auch direkt an unsere zweite Frage an: 

 

Was macht eine*n Künstler*in in Zeiten von KI eigentlich aus?

Früher hätte man gesagt, ein*e Künstler*in ist jemand, der/die/they Musik, Kunst oder eigene Texte produziert. Am Ende des kreativen Prozesses steht zumeist ein Produkt.

Wenn aber genau dieses Produkt von einer Maschine, von einem Programm, geschaffen wird ... Ist die Person, die dahinter steht, dann überhaupt ein*e Künstler*in?
In Zeiten von KI muss die Definition eine*s Künstler*in also spezifischer ausfallen.

Was macht Kunst, Musik, Literatur aus? Es ist letztendlich der Schaffensprozess. Die jahrelange Arbeit, die dahinter steckt. Jahrzehntelang ein Musikinstrument zu lernen, Gesangsstunden zu nehmen, Songs zu schreiben, Programme zur Musikproduktion zu nutzen, Kunstkurse zu belegen, jahrelang zu zeichnen oder genauso jahrelang an einem Roman zu arbeiten.

An diesen Stellen werden Lebenszeit und jede Menge Geld investiert, weil es nicht nur eine Nebenbei-Beschäftigung ist.

Sondern weil kreatives Schaffen für den Menschen essentiell ist und den Menschen ausmacht.
 
Was ist ein kreatives Produkt wert, wenn dahinter kein Schaffensprozess steckt?
 
Und genau an dieser Stelle wird es interessant: Da KI-Systeme von realer Musik, Kunst oder Literatur gespeist werden, steckt ein Prozess dahinter. Nur eben der Prozess von Millionen, Milliarden anderer Werke und Schöpfer*innen. KI-Musik, KI-Kunst oder KI-Literatur bleibt damit eine Auftragsarbeit. Und damit ist das entsprechende Produkt niemals allein der Feder des Auftraggebenden entsprungen. Die Idee alleine macht dich noch nicht zu eine*m Künstler*in.
 
You have to choose the hard way. The Process. Mit all der Zeit, dem Herzblut, dem Schweiß und den Tränen.



 

Ist KI-Kunst inklusiver?

Manche KI-Nutzer*innen sagen, KI würde es ihnen ermöglichen, Kunst zu schaffen und sie so erreichbarer, umsetzbarer und sogar inklusiver machen. Ansonsten sei es ihnen nicht möglich, Musik, Kunst oder Texte zu produzieren.

Frida Kahlo hat zeitweise aufgrund diverser gesundheitlicher Beschwerden aus dem Bett heraus gemalt. Ihre Familie hatte dafür eine extra Konstruktion errichtet.

Felix Klieser, ein weltbekannter Hornist ohne Arme, spielt sein Instrument mit den Füßen.

Musik, Kunst und Literatur sind meist erreichbar. Wenn nicht selbst, dann über die Zusammenarbeit mit anderen kreativ schaffenden Personen.

Wenn nur eine KI die Erreichbarkeit ermöglicht, dann liegt das einzig und allein an Faulheit oder fehlendem Talent.

Denn, sofern sie nicht direkt erreichbar sind, können wir miteinander ins Gespräch kommen. Mit realen Künstler*innen zusammenarbeiten.

Wenn du ein Stück für Klavier schreibst, es selbst aber nicht spielen kannst, dann hast du zwei Möglichkeiten: Üben, üben, üben oder eine*n begnadete*n Pianist*in damit zu beauftragen, deine Komposition einzuspielen.

Wir müssen wieder mehr in den Austausch gehen. KI verhindert genau das. KI wird hier in keinster Weise benötigt. Niemals. 

 

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Letztendlich müssen wir wieder begreifen, dass wir nicht alles können müssen. Und dass es manchmal einfach Zeit und Geduld braucht.

Ich selbst würde unglaublich gerne Songtexte schreiben, diese einsingen und mich am Bass dazu begleiten. Nun sind Songwriting und Gesang für mich ein vollkommen neues Terrain.

Natürlich wäre es möglich, Songtexte einfach von einer KI schreiben und einsingen zu lassen. Aber so hätte es für mich keinen Wert. Ich würde mich wie eine Betrügerin fühlen und keinerlei Selbstwirksamkeitserfahrung daraus schöpfen. Denn ich würde nicht dahinter stecken.

Von daher bleibe ich bei dem, was mir gerade mehr liegt, der Instrumentalmusik. Und mit der Zeit und mit der Übung, werde ich dann vielleicht auch irgendwann einen Song mit Gesang veröffentlichen. Und wenn nicht, dann ist das auch vollkommen ok.
 
Wir dürfen nicht erwarten, alles sofort können zu müssen. Mit diesem Wissen konnten wir vor KI auch gut leben. Das Leben ist nun einmal kein Wunschkonzert.
 
Vielleicht gehörst du ja zu den Menschen, die bisher KI-generierte Musik, Kunst oder Literatur konsumiert und diesen Beitrag komplett durchgelesen haben.

Wenn ja: Props an dich. Denn durch Social Media gleicht unsere Aufmerksamkeitsspanne mitunter der einer Eintagsfliege.

Und vielleicht, ja ganz vielleicht, konnte ich dich ja einmal zum Umdenken anregen…

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