'Sunshine' - Eine Track-für-Track Analyse von Jungle's neuem Album
Von der Disco-Night zur Strandparty: Wie sich Jungles Sound verändert hat
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| Foto: Mason Rose / TBA Agency |
Es gibt Alben, die hört man und denkt sich: “Genau danach habe ich so lange gesucht.”
Für mich war das Volcano von Jungle aus dem Jahr 2023, denn dieses Album hat meinen Musikgeschmack nachhaltig geprägt. Diesen Sound hatte ich vorher einfach noch nie gehört: Für mich war das die perfekte Fusion aus meiner heißgeliebten 70er Jahre Disco-Music und moderner Dance-Music.
Falls ihr die Band noch nicht kennt, hier einige kurze Infos: Jungle ist eine Londoner Band, welche bereits 2014 ihr Debüt feierte und seitdem Soul, Funk, R&B und auch elektronische Einflüsse zu einem ganz eigenen Sound verbinden. Die Haupt-Mitglieder der Band sind dabei Josh Lloyd-Watson, Tom McFarland und Lydia Kitto. Was ihre Musik für mich besonders macht, sind diese groovigen Rhythmen, die warmen Harmonien und diese ganz spezielle Verbindung aus Retro-Sound und moderner Produktion.
Mit Sunshine ist diese Woche ihr fünftes Studioalbum erschienen und nach dem für viele Fans prägenden Album Volcano stellt sich natürlich die Frage: Bleibt Jungle diesem einzigartigen Sound treu – oder schlägt die Band vielleicht neue musikalische Wege ein?
Ich habe mir das Album genau angehört, Interviews recherchiert und ordne es einmal, Song für Song, für euch ein.
‘Come Back To Me’
Das Album beginnt mit dem Song ‘Come Back to Me’, der stark an lateinamerikanische oder auch afrikanische Rhythmen erinnert - und das betrifft auch den Bass. Alles in allem eine sehr rhythmische Nummer, welche ein starkes Sommer-Feeling vermittelt.
‘Sunshine’
‘Sunshine’ folgt daraufhin, ein sehr fröhlicher Song mit Streicher- und Klaviereinlagen. Genau diese verleihen dem Song auch eine romantische Ebene, passend zum Songtitel und -text („I can’t stop loving you”). Auch sind hier wieder die sehr Jungle-typischen Harmonien präsent.
‘Where Are You Now?’
Mit einer gleichermaßen präsenten, groovigen Bassline startet dann ‘Where Are You Now?’. Auffällig bei diesem Song: Es werden immer wieder interessante Elemente mit eingestreut. Beispielsweise ein geradezu ‘galaktischer’ Sound, welcher eine direkte Assoziation zu 90er-Jahre-Videospielen herstellt - wirklich sehr interessant. Meiner Meinung nach sind die Gesangs-Stimmen bei diesem Song leider etwas zu moduliert und bearbeitet. Aber: Die Lyrics sind meine liebsten aus dem ganzen Album:
„Sunshine plays
upon your roof
A miracle
Has come for you“
Was bei diesem Song deutlich wird: Das Klavier steht auf diesem Album mehr im Vordergrund als auf Volcano. So gibt es auch am Ende dieses Songs eine Klaviereinlage. Der Fade Out des Songs hat dann schließlich einen gewissen hawaiianischen Touch.
‘Move Like You Do’
Der nächste Song: ‘Move Like You Do’ – tatsächlich einer meiner Favoriten dieses Albums, der im Vergleich zu den anderen Songs deutlich heraussticht. Er hat einen sehr klassisch funkigen, härteren Bass, welcher mit einer starken 70er Jahre Assoziation einhergeht. Dieser Song ist generell etwas härter im Sound als die restlichen Songs. Vom Stil her erinnert er stark an unsere heißgeliebten Disco-Klassiker, allerdings mit einer moderneren Produktion. Gerade dadurch ist er auch der Song, der am meisten Volcano-Vibe vermittelt.
Man merkt anhand dieses und vieler anderer Songs auf Sunshine, dass Lydia Kitto noch prominenter vertreten ist als auf dem letzten Album. Auch werden hier - und genau das meine ich mit moderner Produktion - wieder ganz spezifische Sounds eingebaut. Beispielsweise haben die Hörenden bei diesem Song ein Déjà-vu mit einem sehr ähnlichen ‘Videospiel-Sound’ aus ‘Where Are You Now?’. Man stellt sich beim Hören des Songs direkt eine Gruppe von Tänzer*innen vor, überlegt sich Choreografien. Ich bin wirklich sehr gespannt auf das Musikvideo. Das ist purer Disco-Sound!
‘Romeo II (feat. Bas)’
Dieser Song knüpft laut Jungle an deren Song ‘Romeo’ aus dem Album Loving In Stereo an - auch damals feat. Bas. Die Fortsetzung des Namens spielt laut Jungle auch auf die HipHop-Tradition von Songfortsetzungen an. Bas war tatsächlich auch Teil der letzten drei Alben. Jungle erzählt über den Song und dessen Titel:
“Romeo II was Bas’s idea. The track originally had a much longer title, but we wanted something more interesting. (…) He suggested Romeo II, which felt great because it creates a sense of nostalgia for people who know the original. (…) I think he was also referencing the tradition in hip-hop of songs having sequels. (…) It gives the track an instant familiarity — people think, ‘I remember that Bas song from the third album, so I want to hear this one’.”
- Jungle im Interview mit ‘The Irish Sun’ -
‘Romeo II’ ist insgesamt etwas härter im Sound als „Romeo“. Die Gesangs-Stimmen sind auch bei diesem Song wieder sehr moduliert - in meinen Augen fast zu sehr - und es werden extrem viele verschiedene Sound-Elemente eingesprenkelt. In meinem Empfinden leider einer der schwächeren Songs auf diesem Album.
‘Carry On’
‘Carry On’
‘Carry On’
‘Carry On’
Der Song ‘Carry On’ hat dann nochmal einen ruhigeren Sound, welcher stark an Loaded Honey - dem von Jungle-Mitgliedern Josh Lloyd-Watson und Lydia Kitto ins Leben gerufenen Projekt - und deren Album Love Made Trees aus dem letzten Jahr erinnert. Der Song hat, insbesondere bezüglich der Harmonien, denselben 60er Jahre-Sound. Er handelt von einer verzweifelten Liebe, davon, von einem Partner in Stich gelassen zu werden, aber dennoch nicht loslassen zu wollen („No one’s ever made me feel this helpless“).
Lydias Stimme bei diesem Song ist schlichtweg traumhaft. Sie klingt geradezu wie ein Seufzen, genauso die Harmonien im Hintergrund. Genau das spiegelt die Bedeutung hinter dem Song sehr gut wieder. Auch hier finden sich wieder Streichereinlagen am Ende. Alles in allem ein sehr schöner und stimmiger Song, wie ich finde. Tom McFarland sagt über die Einflüsse hinter ‘Carry On’ und dessen Bedeutung in einem Interview:
“‘Carry On’ has an old-school Motown, almost Sixties sound. (…) It’s almost Jungle’s folk song, but it has a sadder emotional heart. ‘Back On 74’ is nostalgic, while ‘Carry On’ is about overcoming heartbreak, rebuilding trust and finding the self-belief to push through difficult times.”
- Jungles Tom McFarland im Interview mit ‘The Irish Sun’ -
‘The Wave’
Der nächste Song, ‘The Wave’, hat einfach diesen klassischen Dance-Music-Sound mit einem hervorstechenden Bass. Der Songtext ist dabei sehr aufbauend:
„Oh don’t you cry
We got it all
Don’t you worry
We can find our way through the dark“
Und auch der Sound und der Beat des Songs sind sehr uplifting, die Stimm-Harmonien reflektieren durch ihren melancholischen Klang jedoch das schwermütigere Thema des Songs. Insgesamt handelt der Song davon, eine Beziehung trotz Schwierigkeiten nicht aufzugeben. Dieser Song hat dabei also eine gewisse Ambivalenz: Er ist uplifting, doch gleichzeitig melancholisch.
‘Someday, Somewhere’
Kommen wir direkt zum nächsten Song des Albums: ‘Someday, Somewhere’. Wie bei Jungle üblich, ist auch hier die Bassline sehr prominent. Der Song ist melancholisch, sehnsüchtig, gleichzeitig aber auch hoffnungsvoll und hat etwas sehr Empowerndes - insbesondere durch jene Mehrstimmigkeit bei den Lyrics „Someday, Somewhere“:
„Someday, somewhere
I guess I’ll fall into your heart
Someday, somewhere
We can live on sweet harmony.”
Wenn dann die Zeilen „Hold me, I got everything you need“ gesungen werden, erscheint ein weiteres interessantes Element: Im Hintergrund wird Meeresrauschen hörbar. Und auch das Songende ist sehr spannend gewählt - an dieser Stelle wurde der Sound einer (wahrscheinlich) zu schnell abgespielten Schallplatte integriert.
‘Someday, Somewhere‘ ist definitiv mein Favorit des Albums und meiner Meinung nach auch einer von Jungles Top-Songs. Man versucht diese ganz spezielle Mischung des Songs zu greifen und in Worten zu beschreiben, aber das ist kaum möglich - er hat eine ganz spezielle Atmosphere. Das verdeutlichen auch teilweise die Kommentare unter dem Musikvideo zum Song. Dort hatte beispielsweise eine Person geschrieben, dass der Song sie grade durch eine schwere, depressive Zeit begleiten würde und ihr Hoffnung geschenkt hätte. Und ich muss, seitdem ich diesen Kommentar gelesen habe, immer wieder an diese Worte denken, wenn ich den Song höre. Genau das macht deutlich, welche Magie hinter diesem Song steckt.
‘Natural’
Daraufhin folgt ‘Natural’, ein Song, bei welchem Lydia besonders im Vordergrund steht. Am Anfang des Songs singt sie in einer etwas tieferen Tonlage als in den anderen Songs, bevor es dann wieder - wie gewohnt - höher wird. Im Refrain kommt dann der Bass mehr in den Vordergrund, ein interessantes Element. Der Song erzählt inhaltlich dabei von einem Mann oder Partner, der auf ganz natürliche Art und Weise alles richtig zu machen scheint:
„The way you love me
Feel it in my bones
The way you touch me
You’re a natural“
Der Song hat dabei etwas sehr ‘feminines’. Insgesamt ist auch dieser Song einer meiner Favoriten des Albums.
‘Reflection’
‘Reflection’ ist dann ein sehr ruhiger Song mit 60er-Jahre Sound, gleichzeitig auch ein Song über Herzschmerz. Jungle’s Tom McFarland über ‘Reflection’:
“I love that song (…) What I connect with is the way a song can transport you. When I’m driving in the sunshine, I’ll listen to Crosby, Stills and Nash radio and classic Laurel Canyon songs. (…) Reflection does that for me. It takes me very vividly into a particular physical and emotional space.”
- Jungle im Interview mit ‘The Irish Sun’ -
Meiner Meinung nach hat dieser Song viele Wiederholungen und weniger Dynamik oder Spannung als die anderen Songs des Albums. Für mich persönlich leider einer der schwächeren Songs des Albums.
‘Heavy On My Soul’
Und so sind wir bereits beim letzten Song des Albums angelangt, ‘Heavy on my soul’. Dieser ist auch wieder ein ruhigerer Song mit vielen Stimm-Harmonien, instrumental insgesamt reduzierter als die anderen Songs des Albums. Ein sehr souliger Song mit Streicher-Einlage am Ende, wobei an dieser Stelle die Melodie geradezu in einer Art Klimax aufgeht - sehr sehr schön umgesetzt.
Dieser Song lebt sehr von seiner Stimmung. Er hat eine gewisse Schwere und dennoch auch Leichtigkeit:
„Oh this time I gotta do what is right for me
But you don’t understand it’s heavy
On my
On my soul“
Trotz der schwermütigen Lyrics vermittelt der Song durch die wunderschöne Melodie der Streicher und die Harmonien - welche ihm auch eine romantische Note verleihen - eine gewisse Leichtigkeit. Einer meiner Lieblingssongs des Albums und im Gesamten ein sehr schöner und gelungener Abschluss für das Album.
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| Foto: Mason Rose / PRK DreamHaus |
Kommen wir also zu meiner Frage des Anfangs zurück:
Bleibt Jungle mit seinem Album ‘Sunshine’ seinem einzigartigen Sound treu – oder schlägt die Band vielleicht neue musikalische Wege ein?
Sunshine ist in seinem Klang grundsätzlich sanfter und ruhiger als Volcano. Die Namen passen perfekt zu beiden Alben und spiegeln gut deren Spirit und Atmosphäre wieder. Ich empfinde Sunshine als weniger experimentell als Volcano und insgesamt auch als melancholischer. Die Songs auf Sunshine vereinen geradezu eine ambivalent schöne Schwermut mit einem sehr sommerlichen Sound. Jungles Josh Lloyd-Watson selbst erzählte in einem Interview mit dem ‘DIY magazine’, dass sie sich auf diesem Album auch von bestimmten Rhythmen haben inspirieren lassen:
“We had some distance from playing live, so we were gravitating instead towards something laid-back, a chilled record that you could put on at home. We were reacting against the bigger tracks on ‘Volcano’, like ‘Holding On’ and ‘Candle Flame’. We were learning into the more rhythmic side of things, and I think out of that comes Brazilian music - bossa nova, Latin rhythms - and maybe some African sounds, too.”
- Jungle’s Josh Lloyd-Watson im Interview mit ‘DIY magazine’ -
Der Einfluss lateinamerikanischer Rhythmen und afrikanischen Sounds wird defintiv sehr deutlich auf diesem Album. Jungle schlägt mit Sunshine zwar eine ruhigere Richtung ein, bleibt aber dennoch seinem Sound treu - beispielsweise durch die immer wieder auftauchenden Harmonien, die präsenten Basslines, ihrem Groove und die sehr tanzbaren Melodien.
Was sich bei diesem Album auch sehr bemerkbar macht, ist der Einfluss von Josh Lloyd Watsons und Lydia Kittos letztem Album Love Made Trees ihres Band-Projekts Loaded Honey. Beide haben die Richtung, welche Jungle nun eingeschlagen hat, mitgeprägt und maßgeblich beeinflusst - das wird sehr deutlich. Loaded Honey ist dadurch auch defintiv mehr als nur ein Seitenprojekt und kann demnach nicht gesondert von Jungle gesehen werden. Auch bei der Recherche hat sich genau dieses Gefühl bestätigt: Geschrieben wurde das Album von Josh Lloyd-Watson, Lydia Kitto und Tom McFarland, produziert allerdings hauptsächlich von Lloyd und Kitto. McFarland hat an dieser Stelle zusätzlich produziert.
Von der Disco-Night zur Strandparty
Würde man die Atmosphäre aller Alben, die Jungle in den letzten Jahren veröffentlich hat, einmal bildlich beschreiben und miteinander vergleichen wollen - so wäre Volcano der Freitagabend-Disco-Clubsound, voller Vorfreude aufs Wochenende und mit starken 70er-Jahre-Disco-Einflüssen. Sunshine wäre hingegen die Samstagabend-Party am Strand - wahrscheinlich in Brasilien. Und Love Made Trees wäre der entspannte Sonntagmorgen danach - mit einem Kaffee auf dem Balkon, den Sonnenaufgang betrachtend. So hat jedes Album für sich - und gleichermaßen auch Jungles erste Alben - seine ganz eigene Atmosphäre.
Volcano ist und bleibt mein absolutes Lieblings-Album von Jungle, Sunshine kommt da leider nicht heran. Sunshine ist jedoch ein sehr sommerlich-schönes Album mit einigen Top-Hits. Ich denke dabei insbesondere an ‘Someday, Somewhere’ - meiner Meinung nach einer der besten Songs, die Jungle jemals herausgebracht hat - oder an ‘Move Like You Do?’ - ein Song, der sehr heraussticht und mich extrem an Volcano erinnert. An dieser Stelle also eine absolute Empfehlung meinerseits, hört gerne in das Album rein!
Und damit beende ich diese Track-für-Track-Rezension mit einem Zitat von Lydia Kitto, welches in meinen Augen Junge als Band und ihre Art und Weise, Musik zu machen, hervorragend beschreibt:
„If you’re making music for TikTok, purely with the intention of it blowing up, you’re making shit music.“
- Jungle’s Lydia Kitto im Interview mit ‘DIY magazine’ -
Ach ja … würde das nur die gesamte Musikindustrie erkennen …
Interview-Quellen:
DIY magazine
The Irish Sun
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